Geschichte

Mohren Erkersreuth

Mohren Erkersreuth

Geschichte von Erkersreuth[1]

Der Ortsname Erkersreuth scheint deutschen Ursprungs zu sein. Obwohl Oberfranken viel von Slawen besiedelt war, trifft dies für Erkersreuth nicht zu. In den ersten Urkunden erscheint Erkersreuth noch als Erkengersreuth oder Erknersreuth. Erker, Erkenger, Erkinger oder auch Erchenger waren damals häufig vorkommende altdeutsche Familiennamen. Der Name Erkersreuth bedeutet daher aller Wahrscheinlichkeit nach die “Rodung des Erkenger (oder Erkner oder Erkinger)”. Bereits 1252 wird ein Edler von Raithenbach aus Erkersreuth urkundlich genannt. Das Geschlecht der Raithenbacher gehörte damals zu den einflussreichsten Familien aus dem Egerland. Die früheste Nennung des Ortes Erkersreuth findet man in einer Einigung aus dem Jahre 1342 über den Besitz Schönberg aus der Umgebung von Asch, nach der die Schwäger Albrecht von Schönberg und Hans von Uttenhofen die Zehntlehen zu Erkersreuth erhielten. 1378 stiftete Eberhard Forster in Selb die Frühmesse und widmete dazu seine Reichslehenhöfe zu Erkersreuth. 1392 und 1401 erscheint Erkersreuth im Egerer Klauensteuerbuch mit der Bemerkung: “Bleiben des Burggrafen von Nürnberg Leute alle ihre Klauensteuer schuldig”. 1414 kam es dann zu einem Vertrag zwischen den Burggrafen und der Stadt Eger, in dessen Anhang vermerkt ist: “Erkersreuth mit einem Rittersitz und das ganze Dorf”. Wenige Jahre später, 1416 und 1417 war Nickel Raytenbach zu Erkersreuth Beisitzer am Landgericht zu Eger. Diesem Egerländer Geschlecht mit der Stammburg Graslitz mag man das Erkersreuther Reichslehen überlassen gehabt haben. 1448 besaßen die Raithenbacher zu Erkersreuth zehn Güter und hatten ihr eigenes Gericht über ihre Untertanen. Neben den Raithenbachischen Höfen gab es noch einen ganzen und einen halben Hof, die dem Frühmesser zu Selb zinsten und dorthin auch ins Gericht gehörten.

Das erste von größerer Bedeutung erhaltene Schriftstück über die Herren von Raithenbach stammt aus dem Jahre 1560. Es beinhaltet die Behandlung eines Grenzstreites zwischen Christoph von Zedtwitz auf Liebenstein und Nicklas von Raithenbach auf Erkersreuth. Es ging dabei um zwei Hölzer am sogenannten Höllrangen. Die beiden Ritter waren wegen der Grenzen dermaßen in Streit geraten, dass Kaiser Ferdinand (!) als Schiedsrichter die Auseinandersetzung zu schlichten versuchte. Der Kaiser bringt in seinem Schiedsspruch sein Erstaunen zum Ausdruck, wie man durch derartige Geringfügigkeiten als Nachbarn in Feindschaft geraten könne und bemerkt mit Bedauern, dies von seinen Getreuen nicht erwartet zu haben. Das Schreiben schließt mit einem Vertrag zwischen beiden Parteien, worin diese sich verpflichten, die vom Kaiser festgesetzte Grenze anzuerkennen. Doch auch dieser Vertrag bestand nur auf dem Papier. Auch 200 Jahre später war das Thema noch aktuell. Aber davon später.

Dieser Nicklas von Raithenbach war auch sonst ein streitsüchtiger Mann. Er stand mit seinen Landesherren, den Markgrafen von Bayreuth, nicht auf gutem Fuß. Er wollte kein Lehnsmann sein sondern freier Besitzer des Rittergutes Erkersreuth. Auch die benachbarte Stadt Selb Selb konnte ein Lied vom lieben Nicklas singen. Einmal beschäftigte er unbefugt Handwerker auf seinem Gut (schon damals gab es die Schwarzarbeit!), was zu den Selber Stadtrechten im Widerspruch stand. Ein anderes Mal kam er mit der Stadt wegen unberechtigten Bierbrauens in Konflikt. Beide Male wurde der Markgraf von Bayreuth eingeschaltet, der wahrscheinlich langsam aber sicher graue Haare bekam. Auch als Nicklas von Raithenbach nicht mehr lebte, ließen sich die Herren von Raithenbach noch etliche Verstöße gegen die Selber Marktgerechtigkeit zuschulden kommen, die der Markgraf immer zu Gunsten der Selber Bürger entschied.

1616 war das Rittergut Erkersreuth im Besitz von Konrad von Raithenbach, der – man höre und staune – ein sehr gutes Verhältnis zu den Markgrafen in Bayreuth hatte. Aus dem folgenden Dreißigjährigen Krieg ist wenig bekannt. Dennoch scheinen Plüderungen, Mord, Totschlag, Hunger und Pest an Erkersreuth nicht vorübergegangen zu sein. Dies beweisen Aufzeichnungen im Selber Kirchenbuch.

Am 3. Mai 1642 drangen 100 Kroaten aus Böhmen in Erkersreuth ein, um im Schloss Quartier zu beziehen. Als ihnen das verweigert wurde, sprengten sie das Schlosstor und drangen mit Gewalt ein. Ein Bauer wurde erstochen und das Schloss geplündert. Konrad von Raithenbach konnte sein Leben retten. Die Verhältnisse in und um Erkersreuth waren damals schlimm. Viele Bewohner auch aus den umliegenden Dörfern mussten Haus und Hof verlassen. Die Raithenbacher sorgten nach dem Krieg für den Wiederaufbau der Anwesen ihrer Untertanen. Als der kinderlose Kaspar Karl von Raithenbach 1691 starb, erlosch das Rittergeschlecht der Raithenbacher auf Erkersreuth, das viele Jahrhunderte hier herrschte und zu einem begüterten und angesehenen, wenn auch manchmal etwas streitsüchtigen Adelsgeschlecht des Fürstentums Bayreuth gehörte.

1696 kaufte Hauptmann Bernhard Jobst von Lindenfels zu Wunsiedel das Rittergut Erkersreuth. Von diesem Zeitpunkt an stand Erkersreuth ein volles Jahrhundert unter der Herrschaft der Freiherren von Lindenfels. Allerdings gab es in den folgenden Jahren einiges Gerangel innerhalb der Familie um die Erbfolge. Als es dann Johann Christian August von Lindenfels gelang, die Anteile seiner Brüder, mit denen er zum Teil verfeindet war, zu kaufen, war er Alleinbesitzer des Schlosses Erkersreuth. Er ließ das alte Schloss abreißen und erbaute 1748 das noch jetzt stehende neue Schloss. Doch schon vier Jahre später verkaufte er seinen Besitz, da er keine Nachkommen hatte, an seinen Neffen Ludwig Martin von Lindenfels. Eigentlich herrschte jetzt Ruhe in Erkersreuth bis ein Ereignis eintrat, das schon zu Raithenbacher Zeiten den damaligen Kaiser Ferdinand höchstpersönlich beschäftigt hatte.

Am 25. Juni 1783 überraschten die Erkersreuther wieder einmal die Liebensteiner beim Holzfällen am Höllrangen. Die ganze Rechtssprechung und Grenzmarkierungen hatte also nichts genutzt. Nach wie vor sahen die Herren von Zedtwitz zu Liebenstein den Höllrangen als ihr ureigenstes Gebiet an. Der Erkersreuther Schlossherr rief den Selber Richter zu Hilfe, der mit 80 Mann zum Höllrangen zog und einen Zedtwitzer Untertanen gefangen nahm. Daraufhin rückten die Liebensteiner mit 300 Mann an und lieferten den Erkersreuthern ein starkes Feuergefecht, das sie veranlasste, sich mit 3 Gefangenen zurückzuziehen. Die Liebensteiner brachten 4 Gefangene, Holz und Vieh als Beute heim. 1784 erreichte das Landgouvernement in Böhmen einen Ausgleich zwischen den streitenden Parteien.

Durch große Schulden gedrängt, sah sich der damalige Besitzer Adam Karl von Lindenfels genötigt, das Erkersreuther Schloss samt Gutsbesitz zu verkaufen. Nach mündlicher Überlieferung soll die Gemahlin Adam Karls sehr verschwenderisch gewesen sein und den beträchtlichen Reichtum der Familie in kurzer Zeit sehr verringert haben. Als der Verkauf 1800 an den preußischen Minister von Kretschmann erfolgte war die Rolle der Familie von Lindenfels in Erkersreuth zu Ende. Die Besitzer wechselten nun häufiger.

1880 erwarben die Brüder Max und Philipp Rosenthal das Schlossgebäude und richteten eine Porzellanmalerei ein. Dies war auch der Beginn des weltbekannten Rosenthal Porzellanunternehmens. Bereits drei Jahre später, 1883, beschäftigte der Betrieb bereits 80 Mitarbeiter. Die Leute waren froh, wieder arbeiten zu können, nachdem ein großer Brand am 18. März 1856 die Nachbarstadt Selb in Schutt und Asche gelegt hatte. Auch viele Erkersreuther waren davon betroffen. Ein Jahr nach dem Selber Brand beantragte Lorenz Hutschenreuther den Bau einer Porzellanfabrik, was ihm freudig genehmigt wurde. Hutschenreuther produzierte weißes Porzellan, das die Brüder Rosenthal kauften und in Erkersreuth bemalten. Der ehemals ländliche Ort bekam nun industrielle Strukturen.

Allmählich wurde das Schloss Erkersreuth für die Firma Rosenthal zu klein und man verkaufte es 1899 an die Selber Brauerei Rauh und Ploß. Mittlererweile zählte Erkersreuth etwa 1000 Einwohner und in der Folge errichtete man 1928 eine eigene evangelische Kirche und 1950 eine katholische Kirche.

Am 20. April 1945 besetzten amerikanische Truppen Erkersreuth was für den Ort das Ende des 2. Weltkrieges bedeutete. Nach der Kapitulation war Erkersreuth wieder ein Grenzort. 1945 ging auch das Schloss Erkersreuth wieder in den Besitz der Familie Rosenthal über, die es als Wohnung für den Direktor des Unternehmens Philipp Rosenthal nutzte, der es auch renovieren und zu einem geistigen und kulturellen Zentrum werden ließ.

Mit dem Jahr 1972 kam die Gebietsreform in Bayern was für Erkersreuth einen Wechsel vom Landkreis Rehau (der aufgelöst wurde) in den Landkreis Wunsiedel bedeutete. 1978 wurde Erkersreuth in die Große Kreisstadt Selb eingemeindet und ist seitdem Selber Ortsteil. Damit endet auch die Geschichte der selbstständigen Gemeinde Erkersreuth.


[1] Zusammenfassung von Dieter Wunderlich, 2001
Quellen:
Rudolf Richter: Heimatkunde des Ortes Erkersreuth, 1950
Gemeinde Erkersreuth: Erkersreuther Heimat- und Wiesenfest, 1977
Gemeinde Erkersreuth: 177 Jahre Gemeinde Erkersreuth, 1978
Landeszentrale für politische Bildungsarbeit: Unsere Stadt: Selb, keine Jahresangabe